Weniger Zahlen, weniger Wissen, weniger Orientierung: Einsparungen bei der Bundesstatistik sind kontraproduktiv
Kommentar der Kommission für die Bundesstatistik (KBStat) zur jüngsten Entscheidung des Bundesrats, das Bundesamt für Statistik substantiell zu verkleinern.
Die Schweiz ist gerade dabei, eines ihrer unsichtbaren, aber unverzichtbaren Fundamente nachhaltig zu schädigen: die zuverlässige, unabhängige öffentliche Statistik. Mit dem am 6. Juni 2025 beschlossenen Abbau von rund 40 Stellen beim Bundesamt für Statistik (BFS) und der gleichzeitigen Streichung oder Reduktion zahlreicher Erhebungen wird zwar ein Budgetproblem gelöst, – aber gleichzeitig die Fähigkeit unserer Demokratie geschwächt, sich auf Fakten zu stützen. Das BFS soll künftig auf wichtige statistische Leistungen verzichten oder sie deutlich ausdünnen. Dies schränkt die Rolle des Staates ein, die Öffentlichkeit sachlich, umfassend und verständlich über staatliche Strukturen, Entwicklungen und Herausforderungen zu informieren.
Veränderung mit Auswirkungen auf die öffentliche Informationsversorgung
Statistik ist kein Selbstzweck und kein technokratisches Hobby. Sie ist die zentrale Grundlage für evidenzbasierte Politik, für wirtschaftliche Entscheidungen, für gesellschaftliche Debatten. Sie ermöglicht Vergleichbarkeit, zeigt Missstände auf, signalisiert Trends – und schafft Vertrauen. Wenn Statistiken verschwinden oder nur noch in ausgedünnter Form erscheinen, wird unsere Fähigkeit geschwächt, Entwicklungen frühzeitig zu erkennen und darauf zu reagieren.
Die geplanten Einschnitte betreffen nicht nur Inhalte, sondern auch die Einbettung und Vermittlung der Daten. Genau hier liegt eine zentrale, oft unterschätzte Funktion des BFS: die Förderung der Datenkompetenz in der Bevölkerung. Ohne verständliche Kontextualisierung bleibt Statistik abstrakt – oder wird gar missbraucht. Ein Rückgang bei erläuternden Berichten und Indikatorensystemen wie zur Wohlfahrtsmessung bedeutet, dass den Bürgerinnen und Bürgern fundierte Informationen vorenthalten bleiben. Fundierte Informationen sind zentral für einen offen und zielorientierten politischen Diskurs.
Internationale Vergleichbarkeit als Voraussetzung für evidenzbasierte Wirtschaftspolitik
Die internationale Vergleichbarkeit statistischer Ergebnisse ist von zentraler Bedeutung. Insbesondere am Beispiel des Wirtschaftsbereichs ist dies augenfällig: Nur wenn Daten zu Bruttoinlandsprodukt (BIP) oder Inflation nach einheitlichen Standards erhoben und aufbereitet werden, lassen sich wirtschaftliche Entwicklungen zwischen Ländern verlässlich vergleichen. Solche Vergleiche sind unerlässlich für politische Entscheidungsträger, internationale Unternehmen und Organisationen wie die OECD oder den IWF, um fundierte Analysen und koordinierte Strategien zu entwickeln. Es zeichnet sich ab, dass die Schweiz ohne entsprechende Massnahmen (wie eine Priorisierung gegenüber anderen Statistiken oder zusätzliche Mittel) mit diesen Entwicklungen nicht mithalten kann. Die geforderte Bereitstellung und Veröffentlichung von international vergleichbaren Statistiken ist in der Zukunft nicht gesichert.
Künstliche Intelligenz braucht qualitativ hochwertige Daten
Qualitativ hochwertige Daten sind eine zentrale Voraussetzung für die Entwicklung und den verantwortungsvollen Einsatz künstlicher Intelligenz. KI-Systeme lernen auf Basis vorhandener Daten. Sind diese unvollständig, verzerrt oder veraltet, wirkt sich das unmittelbar auf die Ergebnisse aus. Eine verlässliche, aktuelle und repräsentative Datenbasis erhöht die Legitimität und die Vertrauenswürdigkeit der von der KI erzielten Ergebnisse.
Weiterbildung sichern – Beschäftigungsfähigkeit erhalten
Neben dem inhaltlichen Aufgabenverzicht wurden dem BFS auch diverse Massnahmen im Personalbereich auferlegt. Die Reduktion des Ausbildungsbudgets ist jedoch der falsche Ansatz. Gerade im Kontext eines sich rasch wandelnden fachlichen und technologischen Umfelds ist die kontinuierliche Weiterbildung zentral, um die Beschäftigungsfähigkeit der Mitarbeitenden zu sichern. Der Arbeitgeber hat nicht nur eine Verantwortung, in die Entwicklung seines Personals zu investieren – er profitiert auch direkt davon: Nur mit aktueller Expertise und zeitgemässen Kompetenzen kann die Qualität der statistischen Arbeit auf hohem Niveau gehalten werden. Kurzfristige Einsparungen im Bereich der Weiterbildung gefährden langfristig die Innovations- und Leistungsfähigkeit des BFS.
Kostendruck statt Erkenntnisgewinn
Der Bundesrat begründet die Kürzungen aus haushaltspolitischen Motiven: Das BFS leidet unter einem strukturellen Defizit von rund 20 Millionen Franken jährlich, verursacht unter anderem durch steigende IT-Kosten und neue, nicht finanzierte Aufgaben. Wenn die öffentliche Statistik wegen Budgetproblemen auf international vergleichbare, wissenschaftlich tragfähige Ergebnisse verzichten muss, dann stellt sich die Frage, ob wir uns als Gesellschaft den Verzicht auf solide Daten wirklich leisten können.
Wo Herkunft, Methodik und Qualität von Daten und Informationen nicht mehr nachvollziehbar sind, geht Vertrauen verloren. Und Vertrauen ist das wichtigste Kapital einer Demokratie.
Schlussfolgerung
Die Kommission zeigt sich besorgt über die jüngsten Entscheidungen zu Budgetkürzungen und deren Auswirkungen. Sie fordert den Bundesrat auf, seine Überlegungen nicht ausschliesslich an buchhalterischen Kriterien auszurichten, sondern den tatsächlichen mittel- und langfristigen Nutzen der Einsparungen neu zu bewerten – insbesondere im Hinblick auf mögliche Vertrauensverluste sowie den Verlust von Wissen und Kompetenzen. Wir begrüssen es, wenn der Bundesrat die betroffenen Akteure zu einem offenen Dialog über die Zukunft des schweizerischen Statistiksystems einlädt.
Quelle: Kommission für die Bundesstatistik
1.8.2025
Kommission für die Bundesstatistik (KBStat)
Die Bundesstatistikkommission ist eine vom Bundesrat eingesetzte Kommission, in welcher die Kantone, die Gemeinden, die Wissenschaft, die Privatwirtschaft, die Sozialpartner sowie die Verwaltungseinheiten des Bundes und die dem Bundesstatistikgesetz unterstellten Organisationen vertreten sind. Die Kommission berät den Bundesrat, das Eidgenössische Departement des Innern, das Bundesamt für Statistik und die anderen Statistikproduzenten auch unter Berücksichtigung internationaler Gegebenheiten zu wichtigen Statistikfragen. Sie trägt dazu bei, dass die öffentliche Statistik den Anforderungen einer demokratischen Gesellschaft entspricht.
Weitere Informationen: Bundesstatistikkommission / Kommission für die Bundesstatistik KBStat